| Tulla Die Dreisam wird eingesperrt - und wehrt sich, BZ vom 26.4.2001 |
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RAUM FREIBURG (mir). "Kein Strom oder Fluss hat mehr als ein Flussbett nöthig, oder, welches einerlei ist, kein Strom oder Fluss hat in der Regel mehrere Arme nöthig" erklärte der Bauingenieur Johann Gottfried Tulla im Jahre 1812. Zwölf Jahre zuvor hatte Großherzog Karl Friedrich den 30-jährigen Geometer beauftragt, ein Hochwasserschutzprogramm für den Rhein und seine Nebenflüsse zu erarbeiten. Immer wieder war der Fluss über die Ufer getreten, hatte ganze Dörfer zerstört, fruchtbares Ackerland überflutet und mit Kies bedeckt oder Wege unter Wasser gesetzt.
Seit der letzten Eiszeit, die vor 10'000 Jahren endete, schlängeln sich der Rhein und seine Nebenflüsse durch die Natur. Da der Strom im Lauf der Jahrhunderte seinen Lauf immer wieder verlegte, kam es auch immer wieder vor, dass ganze Orte verlagert oder aufgegeben werden mussten. So wurde beispielsweise im Jahre 1480 halb Neuenburg unterspült und fortgeschwemmt.
Dämme konnten zwar verhindern, dass das Wasser die unmittelbare Uferzone überflutete, unterirdisch bahnte sich das Nass bei hohem Wasseraufkommen jedoch seinen Weg, und drang als Druck- oder Quellwasser in die Keller, Felder und Straßen. Gleichzeitig verhinderten die Dämme, dass die natürlichen Überlaufbecken, die Auen, unter Wasser gesetzt wurden. Dadurch stieg wiederum die Hochwassergefahr für die Menschen, die flussabwärts lebten.
Das brachte Johann Gottfried Tulla auf folgende Idee: Den Rhein - samt seiner Begleiter - wird in Hauptströmen gebündelt. Zwischen zwei parallelen Ufern eingezwängt, wird so die Fließkraft des Flusses erhöht, der sich dadurch selbst tiefer in sein Bett eingräbt. In der Folge sinkt der Grundwasserspiegel, die Hochwassergefahr sinkt und obendrein wird noch zusätzliches Ackerland trockengelegt.
1817 wurde die Dreisam zum Leopoldskanal umgebaut, ihr Lauf wurde kürzer, ihre Auen eingeengt. Kleinere Gewässer wurden begradigt und die Eigenart der Kulturlandschaft grundlegend verändert - der rechte Winkel hielt Einzug in die Naturlandschaft.
Doch das vom Fluss aufgrund seiner höheren Schleppkraft am Oberlauf stärker ausgefräste Material muss auch wieder irgendwo abgelagert werden. So wurde der Unterlauf, an dem auch Buchheim und Neuershausen liegen, immer flacher - bis zu 60 Zentimeter erhöhte sich das Flussbett innerhalb von elf Jahren. In den achtziger Jahren wurde deshalb Erde vom Dreisamgrund abgetragen (zuletzt 1986), was jedoch nur mittelfristige Abhilfe schuf - seitdem ist das Niveau schon wieder um 80 Zentimeter angestiegen.
Jetzt hat die Gewässerdirektion
Südlicher Oberrhein/Hochrhein begonnen, die Hochwasserdämme entlang der Dreisam im
Bereich der March zu sanieren, erhöhen und zu verstärken. In drei verschiedenen
Abschnitten werden in den kommenden fünf Jahren Wände in die Dämme eingezogen,
Dichtungsbahnen verlegt und Erde aufgetragen, damit das Wasser endlich dort bleibt, wo es
hingehört - oder wo der Mensch es zumindest haben will.