Klein - nicht für alle schön
Badische Zeitung vom 02. November 2001

 

Nicht jeder Schwarzwaldbach eignet sich selbst in einer Energieregion für ein Wasserkraftwerk

WEHR. In einem Punkt sich sich die „Arbeitsgemeinschaft 1: Schutz der Schwarzwaldbäche“ und die SPD-Bundestagsabgeordnete Karin Rehbock-Zureich einig: „Nicht jeder Schwarzwaldbach ist geeignet für die Energiegewinnung.“ Doch das heißt nicht, dass die Sozialdemokratin nicht weiterhin für den Hochrhein als eine Energieregion werben würde.


Trotz der Devise „small is beautiful“, wie „klein ist schön“ auf englisch heißt – bei Wasserkraftwerken halten die Sportfischer aus den Vereinen Wehr, Todtmoos, Bernau und Herrischried nichts davon. Sie verweisen nicht nur auf den minimalen Anteil an der Energieerzeugung, der bei Kleinwasserkraftanlagen nur 0,33 Prozent ausmacht, sondern auch auf den noch viel geringeren Anteil an der Reduzierung des Treibhausgases Kohlendioxid, wo kleine Kraftwerke am Wasser gerade einmal für 0,09 Prozent gut sind. Über die Schäden an Fischen, die fast zwangsläufig in Turbinen geraten, über die Inzucht bei Wasserlebewesen, die unüberwindliche Sperren im Fluss fördern, oder über den baulichen Aufwand (durch Sperren oder Kanäle), den ein Wasserkraftwerk nach sich zieht, wird auch im brandneuen Informationsflyer des Arbeitskreises Wasserkraft im Landesfischereiverband Baden-Württemberg informiert.

Keine Frage war aber, dass die Arbeitsgemeinschaft der Abgeordneten am Unterlauf der Wehra am konkreten Beispiel zeigte, wie die an sich umweltfreundliche Energieerzeugung gerade bei Altanlagen gewaltig in die Natur eingreift. Diese Fälle, die ohne ökologische Auflagen rigoros den Lebensraum Fluss zerschneiden und oft auch keine Regelungen für das Restwasser mit sich bringen, sind es, die die Abgeordnete dazu inspirierten, ihren Kollegen im Bundestag einen Tip zu geben. Denn diese berieten derzeit über eine Neufassung des Naturschutzgesetzes, verriet Karin Rehbock-Zureich den Fischern.

Denen gehe es, so der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft, Thomas Grethler aus Wehr, keineswegs um ihr Angelvergnügen, sondern ausschließlich um die Ökologie der Fließgewässer. Schließlich würde er auch ein schönes Leben als Vorsitzender eines Angelsportvereins haben, wenn er einfach lastwagenweise neue Fische in den Fluss kippe, die dann wieder herausgeangelt werden könnten.

Der Einsatz gegen sinnlose Wasserkraftprojekte erfordere dagegen ehrenamtlichen Einsatz. Und da gebe es selbst bei modernen Anlagen Probleme, berichtete der Diplombiologe Ingo Kramer vom Landesfischereiverband Südbaden, dass oft Auflagen wie etwa Restwassermengen in den Flüssen „nicht eingehalten“ würden. Auch Fischtreppen ohne Wasser, die nicht funktionierten, seien Realität. Wobei der Fachmann aus Freiburg sogar Verständnis für das „Vollzugsdefizit“ äußerte: „Vom Landratsamt aus ist das personell nicht leistbar.“

Apropos Landratsamt: Im Falle der Waldshuter Behörde schieden sich ein wenig die Geister. Während die Wasserkraftgegner die Beamten für ihre konsequente Auslegung des Kraftwerkserlasses loben, der viele Kleinanlagen verunmöglicht habe, kritisierte Rehbock-Zureich mit Blick besonders auf die Windräder das Landratsamt als „Verhinderungsbehörde, was alternative Energien angeht“. Doch ihre Vision von der alten Energieregion am Hochrhein, die heute vor allem erneuerbaren Energieformen wie „Biomasse, Wind und Wasser eine Chance geben“ solle, fand nicht einmal den unbedingten Widerstand der „AG'1“, die ebenso für den „Energiemix“ plädiert. In der Wasserkraft sehen die Angler das Potential mit 70 Prozent allerdings so gut wie ausgeschöpft, begrüßen statt Kleinkraftwerken, die mitunter den Charakter von „Wohltätigskeitsprojekten“ (Thomas Grethler) annehmen würden, den Neubau in Rheinfelden, der mit einem einzigen Eingriff in die Natur die Leistung von 26 auf 116 Megawatt heraufschrauben würde.

Auch in diesem Punkt waren sich Naturschützer und Politikerin einig. Wobei Karin Rehbock-Zureich für einen Dialog der Angler mit den Kraftwerksbetreibern von der „AG Wehra, Wiese, Hotzenwald“ plädierte. Schließlich sei der Ansatz „dass Sie etwas für die Natur tun wollen“, bei beiden Gruppen der selbe.




Markus Fortwängler


Original-Link: http://www.badische-zeitung.de/1007924840723


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