Rhein wie vor 200 Jahren?
Badische Zeitung vom Montag, 18. November 2002

Der Rhein wie vor 200 Jahren?
Umweltverbände: eine Chance


COLMAR. Lachse, Biber, Auenlandschaften und Kiesinseln: Deutsche, französische und schweizerische Umweltverbände haben auf der Tagung "Eine Chance für den Oberrhein" ihre Vision eines naturnahen Hochwasserschutzes am südlichen Oberrhein präsentiert. Die Verbände stimmen dem Integrierten Rheinprogramm des Landes Baden-Württemberg zu, gehen aber viel weiter: Zwischen Weil am Rhein und Breisach soll nicht nur der Rückhalteraum auf deutscher Seite entstehen, sondern eine Einheit von Strom und Aue.

"Der südliche Oberrhein muss Chefsache der Umweltminister in Deutschland und Frankreich oder der EU-Kommission werden", sagte Jörg Lange vom Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz vor 250 Fachleuten. Eine umfassende Revitalisierung dieses 45 Kilometer langen Rheinabschnitts sei eine historische Chance, heißt es in einer in Colmar verabschiedeten Resolution.

Baden-Württemberg will zwischen den Staustufen Breisach und Kembs im Rahmen des Integrierten Rheinprogramms einen Hochwasser-Rückhalteraum bauen. Das Ufer soll zurückverlegt werden, um Platz für rund 25 Millionen Kubikmeter Hochwasser zu schaffen. Die Umweltverbände schlagen vor, auch Frankreich an der Revitalisierung des Flusses zu beteiligen - schließlich sind zwei Drittel des Restrheins auf französischem Gebiet. "Der Rhein hätte wieder die Möglichkeit, sich wie im 19. Jahrhundert zu verzweigen und zu verästeln", sagte Jean Wencker vom elsässischen Umweltverband Alsace Nature. Die Chance für eine Umwandlung des Rheins sei gut, weil Ende 2007 die Konzessionen für das Wasserkraftwerk im elsässischen Kembs ausläuft.

Weniger Strom aus Rheinkraftwerken

Eléctricité de France (EDF) muss mit Frankreich und der Schweiz um eine weitere 80-jährige Betriebserlaubnis verhandeln. Seit dem Versailler Vertrag (1919) hat Frankreich das alleinige Wassernutzungsrecht des Rheins. Bisher wird der größte Teil des Rheinwassers in den Rheinseitenkanal (Grand Canal dÁlsace) geleitet. Während in den Kanal bis zu 1400 Kubikmeter pro Sekunde fließen, bekommt der Restrhein bei Kembs nur rund 30 Kubikmeter Wasser ab. Für die Rhein-Vision der Umweltverbände ist das keinesfalls ausreichend: Damit Fische wie der Lachs laichen können und urwüchsiger Auenwald entsteht, müsste die EDF mehr Wasser abgeben. "Wir halten einen Abfluss von rund 150 Kubikmetern pro Sekunde für einen erweiterten Restrhein erforderlich", sagt Lange.

Die EDF lässt in einer Studie prüfen, welche Auswirkungen eine höhere Wasserführung im Altrhein hätte - für den Rhein, aber auch für die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens. Ein Kubikmeter Wasser pro Sekunde, der in die Turbinen statt in den Restrhein fließt, bringt der EDF drei Millionen Kilowattstunden Strom. Philippe Desroques von der EDF ging aber auf die Umweltschützer zu: "Wir wollen die mit dem Rhein verbundenen Biotope schützen und arbeiten an einem Kompromiss." Nicht nur mit Projekten wie der Subventionierung des Fischpasses bei Iffezheim zeige die EDF ihren Willen zur Renaturierung. "Der Rhein kann sowohl Strom als auch Lachse produzieren", sagte Desroques.

Für die Ausbildung von Laichplätzen und Naturauen ist aber nicht nur mehr Wasser, sondern auch Geschiebe nötig, also Kies und Geröll, das sich im Flussbett bewegt. Stauwerke am Hochrhein verhindern das weitgehend. Dennoch glauben die Umweltexperten an ihr europäisches Vorzeigeprojekt. Jean Wencker: "Dass der Lachs wiederkehrt, wurde auch einmal als Spinnerei abgetan."

Michael Neubauer



Original-Link http://www.badische-zeitung.de/1037603935934



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